Donnerstag, Juli 9

Entscheidung zu Weinbergsrundfahrten: Wie weltfremd darf unsere Justiz eigentlich sein?

Von Mitte der 1970er Jahre bis heute habe ich geschäftlich und privat überschlägig mehr als 1.500 Personen zu Events und Weinbergrundfahrten nach Nierstein gebracht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe dies uneigennützig ehrenamtlich und ohne jede Profitabsicht für mich persönlich gemacht. Und weil Mundpropaganda ein probates Werbemittel ist, nahmen die Anfragen zu. Highlights vieler Besuche in Nierstein waren die Weinproben und  Weinbergrundfahrten mit Weck, Worscht un Woi. Mancher Besucher entdeckte seine Vorliebe für unseren Wein und so gingen – ich weiß nicht wie viele – Kartons Niersteiner Wein auf die Reise nach ganz Deutschland. 

Profitiert haben nicht nur verschiedene Niersteiner Weingüter, sondern insbesondere auch Beherbergungsbetriebe, die Gastronomie, Metzgereien und Bäckereien. Was soll am Geld verdienen durch Ideenreichtum und harte Arbeit eigentlich schändlich sein? Noch weltfremder als die Richter die das jetzt beschrieben haben (die AZ berichtete), kann man nicht sein. Selbstverständlich wurde früher auch immer ordentlich „gebechert“. Und natürlich gab es auch manch einen, dem es ordentlich übel war. Vermeintlich verrückte Sachen haben wir damals auch gemacht. Ein kalt-warmes Buffet für den Vorstand einer großen Handelskette im Weinberg, ausgerichtet von der Metzgerei Hambach um 23.00 Uhr, war wohl die ausgefallenste Idee. Unseren Abfall entsorgen wir immer selbst. Außer der dezenten Schifferklavierbegleitung  durch Franz Reichert (U) und den dazu gesungenen Weinliedern wurde auch kein Krach im Weinberg gemacht. 

Ein zweitägiges Event für alle Filialleiter der REWE Hungen mit Weinseminar, Übernachtung, Weinproben, Rundfahrt und anderes mehr führte dort zur Listung (ohne Listungsgelder) der Weine eines NiersteinerWeingutes. 

Und damit soll jetzt Schluss sein? Ja, die Übelstände haben extrem zugenommen. Wer lässt sich schon gerne in den Vorgarten kotzen, anden Zaun pinkeln, sich anpöbeln oder Schläge anbieten, wenn er die Betrunkenen  wegen der Verfehlungen anspricht? Wer hört sich schon gerne das Gegröle völlig besoffener wildfremder Personen an oder das nervige Bass-gewummere der überdimensionierten Bumbum-Blaster? Die Anwohner beschweren sich völlig zu Recht über die aufgezählten Missstände.

Fragen und Vorschlag:

Zunächst sollte man dem freien Unternehmertum, die Winzer vor Ort haben es nicht nur mit der überbordenden Bürokratie eh schon schwer genug, das Geldverdienen nicht vermiesen. Ich kenne die Kalkulation der Rundfahrten recht gut und kann beurteilen, was da „hängen bleibt“. Von unentgeldlicher Brauchtumspflege, wie die Richter sie festgelegt haben, kann kein Winzer leben und Kunden gewinnen. Sie müssen ihren Wein verkaufen. Die Rundfahrten bieten dazu ein probates Mittel. Der Richterspruch, dass mit den Rundfahrten kein Geld verdient werden dürfe, ist sowas von weltfremd, dass ich mich frage, ob die „noch alle Tassen im Schrank haben“. Ist überhaupt schon jemals einer der urteilenden Richter hier vor Ort gewesen? Wissen die überhaupt wovon sie reden? Wer legt eigentlich fest, was genau man unter Traditionsrundfahrten versteht und ab welchem Datum etwas Brauchtumpflege ist? Wo bleibt die klärende Stellungnahme von Herrn Wissing? Wo die positive Begleitung der Rheinhessen-touristik? Da ist noch viel zu hinterfragen.

Mein Lösungsansatz für Weinbergsrundfahrten wäre:

1. Die bereits vor dem Richterspruch bestehenden Richtlinien mit Praktikern aus betroffenen Winzern, Ordnungsamt der VG, Polizei, Fremdenverkehr und Vertretern der betroffenen Anlieger vor dem Hintergrund des Richterspruchs überarbeiten. Das ist zwar mühevoll aber zielführend.
2. Unmissverständlich müssen in den neuen Richtlinien die Konsequenzen bei Zuwiderhandlung benannt werden. Die könnten sein: Anzeige bei technischen Mängeln am Fahrzeuggespann und sofortige Stilllegung. Gleiches bei fehlendem Versicherungsschutz. Bei fehlender Anmeldung der Fahrt Erhebung eines saftigen Ordnungsgeldes. 
3. Auch die Winzer aus den Berggemeinden müssen ihre Rundfahrten zwingend anmelden.
4. Die Kontrollen im Weinberg, wie in Nierstein praktiziert, erweitern und den Weinberghüter soweit es geht mit Vollmachten ausstatten. Dass der keine hoheitlichen Aufgaben (Polizei) wahrnehmen kann, ist klar. Aber im Auftrag der Stadt oder Gemeinde Anzeigen erstatten darf er.

Es wäre für Nierstein und die Winzer der umliegenden Gemeinden, die vielen sich korrekt verhaltenden Winzer und vor allem die vielen dankbaren Besucher schade, wenn wegen einzelner „schwarzer Schafe“ die Rundfahrten unterbunden oder eingeschränkt würden. Im Übrigen kann ich dem AZ-Kommentar von Herrn Ehlke vom 22. Februar 2020 nur zustimmen.

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Prima. es hat geklappt. :-)

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