Die Idee ist uralt, denn schon Galileo Galilei hatte ein Konzept für eine Bedarfsbrücke entwickelt (Bild. Wikipedia CC-Lizenz)

Die Idee ist uralt, denn schon Galileo Galilei hatte ein Konzept für eine Bedarfsbrücke entwickelt (Bild. Wikipedia CC-Lizenz)

Sensation! Das seit der Sperrung der Schiersteiner Brücke grassierende Verkehrschaos hat scheinbar Bewegung ist ein Projekt gebracht, dass seit mehr als zehn Jahren in der Versenkung verschwunden ist: Eine Brücke über den Rhein bei Nierstein. Allerdings wird hier kein festes Bauwerk gebaut, wie einst von Niersteins Bürgermeister Thomas Günther als Maut-Brücke angedacht.

Cleverer, flexibler und billiger

Die jetzt geplante Lösung ist cleverer, flexibler und vor allem viel billiger. Hans-Heinz-Horst Traficzek vom Verkehrsministerium Rheinland-Pfalz in Mainz erläutert in einem Pressegespräch: „Die Lösung schwamm sozusagen Jahrzehnte lang direkt in Nierstein vor unserer Nase. Ich rede von der Ponton-Brücke, die die Bundeswehr bis in die 1990er Jahre noch in Nierstein und gegenüber auf dem Kornsand betrieben hat.“

Rheinbrücke als zweiteilige „Bedarfsbrücke“

Solche schwimmenden Bedarfsbrücken sind hoch belastbar. LKW und sogar Panzeer können darüber fahren. Auch ein zweispuriger Ausbau ist machbar. (Bild. Wikipedia CC-Lizenz)

Solche schwimmenden Bedarfsbrücken sind hoch belastbar. LKW und sogar Panzeer können darüber fahren. Auch ein zweispuriger Ausbau ist machbar. (Bild. Wikipedia CC-Lizenz)

Diese „Bedarfsbrücke“ bestand aus zwei Teilen auf jeder Seite des Flusses. Diese bestanden aus Schwimmpontons, über die Brückenelemente aus Stahl montiert waren. Im Bedarfsfall – also in Friedenszeiten nur zu Manöver- und Übungszwecken – wurden beide Teile, die parallel zum Ufer vertäut waren, ausgeschwenkt und in der Flussmitte miteinander verbunden. Dann konnten Fahrzeuge bis hin zu LKW und sogar Panzer den Rhein überqueren. Das „Aufschlagen“ der Brücke dauerte kaum 15 Minuten. Mitte der 1990er Jahre wurde die Brückenanlage außer Betrieb genommen und abgebaut.

Infrastruktur ist noch vorhanden

Infrastruktur ist noch vorhanden. (Bild: Andreas Lerg)

Infrastruktur ist noch vorhanden. (Bild: Andreas Lerg)

Hans-Heinz-Horst Traficzek erläutert: „Die Infrastruktur wie die Auffahrtrampen an beiden Uferseiten ist nach wie vor vorhanden und sehr schnell wieder in einen nutzbaren Zustand zu setzen.“ Der Hersteller dieser Pontonbrücken existiert ebenfalls noch und könne problemlos eine Zivilversion dieser Bedarfsbrücke bauen. Auch eine Beleuchtung mit modernen Straßenlampen sei Dank LED-Technik, Akkus und Solarkollektoren völlig problemlos machbar. Da die Brücke aus standardisierten und im Militärbereich erprobten und bewährten Komponenten besteht, sei der Bau schnell und kostengünstig machbar. Die Teile würden dann eben einfach nicht in Nato-Olivgrün, sondern in Wunschfarbe lackiert.

Eröffnung am 11.11.

Traficzek: „Wenn die nötigen behördlichen Genehmigungsverfahren schnell abgewickelt werden, diese sind mit der sogenannten ‚Kanzler-Priorität‘ beim Bundesverkehrsministerium eingereicht worden, könnte in einem knappen halben Jahr die Inbetriebnahme der Brücke erfolgen.“ Unbestätigten Gerüchten zu Folge, soll die offizielle Einweihungszeremonie für den 11.11. dieses Jahres geplant sein.

Der Betrieb der Brücke soll, wie der Name schon sagt, Bedarfs-gesteuert erfolgen. Morgens im Berufsverkehr wird die Schifffahrt für zwei Stunden gesperrt und die Brücke wird über den Rhein geschwenkt und geschlossen. Dann dürfen die Autos aus Rheinland-Pfalz nach Hessen fahren, weil das morgens ja der Hauptverkehrsstrom sei. Hans-Heinz-Horst Traficzek ergänzt: „Abends beim Feierabendberufsverkehr machen wir es umgekehrt. Brücke zu für zwei Stunden und die Autos dürfen aus Hessen nach Rheinland-Pfalz fahren. Bewährt sich das Konzept, dann ist für die Zukunft ein zweispuriger Ausbau der Schwimmbrücke geplant, sodass der Verkehr in beide Richtungen fließen kann.

Betrieb in Kooperation mit der Fähre

Der Betrieb der Brücke soll in Kooperation mit dem Betreiber der Fähre erfolgen (Bild: Andreas Lerg)

Der Betrieb der Brücke soll in Kooperation mit dem Betreiber der Fähre erfolgen (Bild: Andreas Lerg)

Die damals geplante Maut-Brücke – eine absolute Utopie, wie Traficzek betont – hätte auch das Aus für die Rheinfähre Landskrone bedeutet und damit Arbeitsplätze vernichtet. Die Bedarfsbrücke indes wirkt gegenteilig, denn der Fährbetrieb soll hier mit ins Boot geholt werden. Dazu Traficzek: „Dieser Fachbetrieb für Querungsschiffsverkehr hat bereits bestens geschultes Personal. Sie können die Technik bedienen, also die Brücke ein- und ausschwenken und auch die Autofahrer abkassieren.“ Die Brücke soll nämlich gebührenpflichtig betrieben werden. „Das passt sehr gut zum Fährbetrieb. Wer eine 10er- oder Wochenkarte hat, der kann damit dann alternativ zur Fähre zu den entsprechenden Zeiten einfach die Brücke benutzen“ verdeutlicht Traficzek. Der Fährbetrieb könnte so zudem noch weitere Arbeitsplätze schaffen, da die Brücke ja auch gewartet werden muss. Außerhalb der Stoßzeiten queren die Autos wie schon jetzt den Rhein auf der Fähre.

Apropos Wartung: Auch Schäden an der Brücke wären völlig unproblematisch und hätten keine so drastischen Folgen, wie die kaputte Schiersteiner Brücke. Dazu nochmals Hans-Heinz-Horst Traficzek: „Ein defekter Ponton oder ein defektes Brückenteil wird einfach während der Standbyzeit der Brücke ausgebaut und durch ein Ersatzteil ersetzt, die Brücke bleibt bis auf die wenige Stunden während Umbaupause voll betriebsbereit. Das kaputte Teil wird in eine Werft gebracht und in Stand gesetzt.“

Idee für die Zwangspause der Berufsschifffahrt

Für das neue Bedarfsbrückenkonzept muss dann aber zwei Mal am Tag für zwei Stunden die Schifffahrt gesperrt werden. Die Berufsschiffe müssen also vor Anker gehen. Auch hier gibt es bereits eine Idee, die wohl aus dem Niersteiner Rathaus stammt. So sollen zwei „Kiosk-Boote“ auf beiden Seiten der Brücke zum Einsatz kommen, die die Schiffe mit Zeitschriften, Lebensmitteln und weiterem alltäglichen Bedarfsgütern beliefern. Angeblich soll hier schon mit dem Betreiber des neuen REWE-Marktes in Nierstein verhandelt werden, der der Idee nicht abgeneigt ist. Berufsschiffer könnten dann auch vor ab Waren bestellen, die nicht zum Standardsortiment der Kiosk-Boote gehören.

Mehr Bedarfsbrücken machbar

Das Bedarfsbrückenprojekt in Nierstein hat Pilotcharakter. Hans-Heinz-Horst Traficzek erklärt: An vielen Stellen entlang des Rheins sind noch die alten Bundeswehr-Brückenköpfe vorhanden, die ebenfalls für solche Bedarfsbrücken genutzt werden könnten. So wäre es möglich, zwischen Mainz und Koblenz bis zu sechs solcher Brücken in den nächsten fünf Jahren zu realisieren.“