Erstes Craftbeer-Tastival in Undenheim

Erstes Craftbeer-Tastival in Undenheim

Bier ist in Deutschland in der Regel Massenware und jedem Deutschen rinnen – rein statistisch – pro Jahr 107 Liter davon die Kehle hinunter. Diese Massenware wird von Marketingabteilungen der großen Braukonzerne auf ihre Verkaufbarkeit hin „designt“ und entwickelt. Der Braumeister hat nur noch dafür zu sorgen, dass diese Ware immer gleich schmeckt. Seine Kreativität wird weniger benötigt, als seine technische Routiniertheit.

Revoluzzer in der Brauerei

Doch brauende Revoluzzer stemmen sich gegen diesen Massenmarkt und das immer erfolgreicher. Diese Revolution nahm Ende der 1970er Jahre ihren Anfang in den USA, wo die Craftbeer-Bewegung entstand. Mittlerweile ist diese Welle längst über den großen Teich nach Europa geschwappt, wo es immer mehr kleine und innovative Brauereien gibt, die Craftbiere entwickeln.

Erstes Craftbeer-Tastival in Undenheim

Beim ersten Craftbeer Tastival in Undenheim konnten sich die zahlreichen Gäste einen Eindruck machen, welche unglaubliche Vielfalt mit Bier möglich ist und die man derzeit noch selten im Getränkehandel oder der Durchschnittskneipe mit Brauerei-Knebelvertrag findet.

Andreas Fitza, IHK-geschulter „Bierbotschafter“ vom Craftbeer-Zentrum, mit dem zusammen die Bierprobe organisiert wurde, erläuterte auf Einladung der Gastgeber im für das Event angemieteten Weinhof Junghof einiges zum Thema: „Craftbeer bedeutet handgemacht. Hier entscheidet der Braumeister und entwickelt ein nach seiner Erfahrung interessantes, Kreatives und charaktervolles Bier. Die Marketingabteilung hat hier nichts zu melden. Craftbiere sind extremer. Sie sind mal sehr süß, mal sehr bitter. Sie sind auch gerne sehr dunkel oder haben einen besonders hohen Alkoholgehalt.“

Fitza wusste vieles mehr zu berichten. So werden nicht alle Biere nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut. „Wenn ich ein Chocolate-Ale habe, dann wird durch den Namen schon klar, dass hier eine weitere Zutat im Spiel ist, die nicht dem Reinheitsgebot entspricht“, erläuterte er im Gespräch mit Wir-in-Rheinhessen.

Biere die sich gewaschen haben

Schon in seinem Grußwort versprach Wolfgang Distler, der das Craftbeer-Tastival zusammen mit Wilhelm Wahl organisiert hat: „Wir werden Ihnen Biere servieren, die sich alle samt gewaschen haben und die Sie so sicher noch nicht getrunken haben.“ Den Auftakt quasi als Aperitif machte das „Störtebecker Hanse Porter“. Ein sehr dunkles und malzig-süßes Bier mit Honig- und Mandelaromen sowie haselnussbraunem Schaum und moderatem Alkoholgehalt von vier Prozent.

Serviert wurden alle elf Biere der Bierprobe übrigens in Weingläsern. Dazu erläuterte Fitza: „Das hat sich bei Biertastings durchgesetzt. Es geht darum, dass Bier auch vom Geruch her zu erleben und die Farbe betrachten zu können. Zudem trinkt man ja auch kleinere Mengen, da es ja einige Biere zu verkosten gilt.“ Nach dem ersten Bier wurden immer zwei Biere als „Gegenprobe“ gereicht. Dazu servierte die Küche eine feine Kleinigkeit zum Essen.

Gegenproben bieten Biere im Duell

Bei der ersten Gegenprobe traten das Weihenstephan Hefeweissbier dunkel, das als eines der besten Weißbiere der Welt gilt, gegen ein Rotfux Pale Ale an. Der Rotfux zeigte sich als kräftiges rotbraunes Bier, stark gehopft mit kräuterigem Geruch und Geschmack, in dem die Gäste Melissen- und Zitronennoten schmecken konnten.

Die zweite Paarung gab sich schon von den Namen her spannend, trat doch ein „Backbone Splitter“ (Wirbelsäulen-Spalter) gegen ein Nevada Pale Ale an. Der Backbone-Splitter zeigt sich im Glas mit trüber Bernsteinfarbe und duftet fruchtig nach Zitrusaromen und schwarzer Johannisbeere, die man auch schmeckt. Die betonte Hopfennote macht das Bier sehr interessant. Zu Mini-Boulette und Kartoffelsalat servierte das Team dann die nächste Paarung. Hier gesellte sich zu einem Fullers London Pride ein Weltenbruger Dunkel, das älteste Dunkelbier der Welt, dass in der ältesten Klosterbrauerei seit dem Jahr 1050 so gebraut wird.

Eine süffige Idee wird umgesetzt

Wilhelm Wahl berichtete wie es zu dem Craftbeer-Tastival kam. Vor 16 Jahren hatte er als Vorstand des gegründeten Carneval Vereins zusammen mit dem VfR Undenheim ein Biergartenfest aus der Taufe gehoben, das seit dem in Undenheim gefeiert wird. Vor einigen Jahren hatten er und sein Freund und Mitveranstalter Wolfgang Distler sich aus der Organisation zurück gezogen. Als Wahl dann im vergangenen Jahr einen Artikel über die in Mode kommenden Craftbiere las, waren die beiden Bierfans schnell einig, dass eine solche Bierprobe sicher gut ankommen würde. Sie sollten sich nicht täuschen, wie der begeisterte Applaus der gut 45 Gaste im wunderschönen Saal des Weingut Junghof zeigte.

Bieranekdoten und Bier-Know-How

Wolfgang Distler erläuterte nicht nur die einzelnen Biere, sondern brachte auch so manche Bieranektdote und umfangreiches Wissen. So war das Bierbrauen in früheren Zeiten Frauensache und auch Hildegard von Bingen nutzte Bier und dessen gesundheitsfördernde Wirkung. In Mainz gab es einst über 60 Brauereien und der heute weltweit größte Braukonzern „Annhäuser-Busch“ in den USA wurde von einem ausgewanderten gebürtigen Mainzer namens Adolphus Busch gegründet, der eine aus Bad-Kreuznach emigrierte Lilly Anheuser heiratete.

Zum Kammsteak mit Bratkartoffeln gab es ein belgisches „Onkel Albert Saison“ und ein „Samuel Adams Lager“ aus den USA. Den krönenden Abschluss machte das Dessert, zudem es ein mit Kirschsaft bereitetes Bier „Lindemanns Kriek“ und einen Aventinus Eisbock gab. Dieser Eisbock zeigte mit 12 Prozent Alkoholgehalt auch seiner Hörner. Das Bier wird durch Gefrieren zu einem Weizen-Eisbockbier, das im Glas eine mahagoniähnliche Farbe zeigt und vom Geschmack her an sehr würzige Pflaumen, etwas Bittermandel und Marzipan erinnert.

Nein, Bier macht nicht dick!

Als beinahe abschließende Weisheit bewertete Moderator Distler noch den Spruch „Mit des Bieres Hochgenuss wächst des Bauches Radius.“ Er betonte, dass nicht das Bier selbst dick macht. Vielmehr regt Bier den Appetit an, sodass zum Bier meist auch mehr und deftiger gegessen wird, was sich dann auf den Hüften niederschlägt.