Gibt es in Rheinhessen keine Schuster mehr?

Als ich noch ein Kind war, da gab es in Nierstein in der kleinen Sackgasse „Vogelsang“ einen Schuster. Der Mann hieß Schwarz und als Kind bin ich da ungern hingegangen, wenn meine Mutter mich mit dem Fahrrad losschickte, um Schuhe zur Reparatur zu bringen oder abzuholen. Ich bin deshalb nicht gerne hin gegangen, weil der Mann immer so eher wortkarg und knodderig war. Deshalb war er mir nicht geheuer. Als Jugendlicher habe ich dann gemerkt, dass er auf seine wortkarge und knodderige Weise eigentlich sehr nett war.

Es roch nach Leim, Farbe und Lösungsmitteln, eben nach Schusterwerkstatt

Schuster Schwarz saß in seinem winzigen weißen Häuslein mit der niedrigen Haustür im Erdgeschoss in einem kleinen niedrigen Raum links vom Flur. Er saß mitten in einem Berg von Schuhen und auch die Regale quollen über von Schuhen. Es roch nach Leim, Farbe und Lösungsmitteln. Er benutzte solide Werkzeuge die mich als Kind faszinierten. Speziell geformte Hämmer und Zangen und so ein Art Eisenfuß über die er die Schuhe stülpte, wenn er neue Sohlen drauf machte. Und er hatte eine altes Ungetüm von Nähmaschine für Schuhe und Leder. Wenn Du hinkamst, um Schuhe abzuholen, griff er ohne großartig zu gucken gezielt in den Schuhberg oder eines der Regale und hatte immer sofort Deine Schuhe zur Hand. Und wenn Du mal nicht genug Geld dabei hattest, sagte er: „Sagst de Muddi, se solls nächste mal bezahle.“ Dann wandte er seinen Blick wieder der Arbeit zu.

Schuster Schwarz gibt es nicht mehr

Aber warum erzähle ich diese nostalgische Geschichte? Ganz einfach. Schuster Schwarz gibt es nicht mehr. Und auch in Oppenheim hat der letzte Schuster vor wenigen Jahre zu gemacht, auch wenn manche Leute sagen „ab und zu macht er wohl noch was“. Aber der Laden ist weg. Ich hatte neulich ein paar Herrenschuhe. Richtig gute, die man nicht einfach so anzieht, sondern „für gut“, wenn man auch den feinen Anzug anzieht und geschäftliche Termine wahrnimmt, bei denen man richtig businessmäßig aussehen muss. So schöne schwarze Budapester. Und die Sohlen waren abgelaufen, die rechte Sohle hatte bereits ein Loch größer als eine 2-Euro-Münze. Solche Schuhe lässt man reparieren und wirft sie nicht wegen einem Loch in der Sohle weg. Aber WO lässt man die reparieren. Kein Schuster mehr weit und breit. Also fragte ich auf Facebook rund: „Mal eine blöde Frage, aber weiss jemand, ob es im Raum Oppenheim/Nierstein oder Umgebung noch einen Schuster gibt, wo man Schuhe zur Reparatur bringen kann?“ Hier die traurigen Antworten:

„Beim Real in Bretzenum ist einer. Sohlen, Absätze und sowas. Ansonsten hinterm Dalheimer Hof (aka altes Polizeipräsidium) in Mainz.“

„In Wiesbaden ist ein wirklich guter, Claudio Ciaffoni. Der macht auch Masssschuhe und ist bei Reperaturen relativ günstig.“

„In Bretzenheim hinterm Rathaus.Nicht gerade Nierstein Downtown, aber ein Meister von alter Schule“

Ich soll also für die Reparatur von Schuhen nach Mainz fahren oder gar nach Wiesbaden?! Wäre man spitzfindig, könnte man sagen, dass Wiesbaden ja noch nicht mals mehr Rheinhessen liegt. Aber es kam auch der Tipp, dass es im SBK in Oppenheim und der Postagentur in Nierstein zumindest Annahmestellen gibt. Ich also am Dienstag zum  SBK gedüst. „Die Schuhe gehen Freitag raus, ab dem 1. Juli können sie dann fragen.“ Meine Schuhe liegen also ein paar Tage da herum, werden dann nach Gott weiss wohin geschickt, repariert und kommen dann wieder. Alles, weil es direkt am Ort oder in der Nachbarschaft keinen echten Schuster mehr gibt.

Sterben auch echte Backstuben bald ganz aus?

Gibt es noch Backstuben, in denen es nach rohem Hefeteig duftet?

Und nicht nur die echten Schuster verschwinden von der Bildfläche. Kennt ihr noch eine echte Bäckerei? Also keine Verkaufsfiliale einer Großbäckereikette, sondern einen Laden, der noch eine Backstube hat. Einen Laden, in dem es morgens im ganzen Raum nach frischem rohem  Hefeteig und anderen Zutaten duftet und der Bäcker noch mit Mehlflecken auf der Schürze aus der Backstube das warme frisch riechende Brot nach vorne in den Laden bringt. Auch die sterben aus. In Dienheim gibt es noch so einen Laden. Der Bäcker uns seine Frau sind weit jenseits der 70 und längst in Rente. Aber weil er sein Handwerk liebt, backt er einmal die Woche noch und so macht der Laden Donnerstagvormittags auf. Ein echter Geheimtipp und wenn Du da Donnerstags früh hinkommst, geben sich die Leute die Klinke in die Hand. Es lohnt sich schon, nur wegen diesem frischen Geruch in diesen uralten primitiven Laden zu gehen. Das Brot und Kaffeestückchen 1000 mal leckerer sind, als Großbäckerei-Massenware, brauche ich wohl nicht extra zu betonen.

Sie sind dran: Wo gibt es noch Schuster und echte Bäcker?

Jetzt sind Sie dran, liebe Leser! Denn ich frage Sie: Wo in Rheinhessen gibt es heute noch Schuster und richtig echte Bäcker? Welche Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe von früher vermissen Sie schmerzlich? Ihre Geheimtipps und Erfahrungen sind gefragt. Nutzen Sie die Kommentarfunktion unter diesem Artikel oder kommentieren Sie in Facebook auf www.facebook.com/wir.in.rheinhessen. Lassen Sie uns gemeinsam sammeln, wo es noch solche Dienstleister und Betriebe alter Schule gibt!